Geschichten aus Kreta: Schreiende Bäume

Schon allein der Name ist der blanke Hohn: „Singzikade“. Als ob das entnervende Geschrei auch nur im entferntesten was mit Singen gemein hätte. Sie schreien, sie kreischen, sie vibrieren unangenehmste Dissonanzen in die mediterrane Welt hinaus. Und zwar genau in dem Frequenzbereich, in dem das menschliche Ohr am empfindlichsten ist: Hörgeräteträger müssen üblicherweise ihre Akustikprothese abschalten sobald Singzikaden in der Nähe sind.

Die Singzikade gibt nicht nur ein entsetzliches Geschrei von sich, sie ist zudem abgrundtief hässlich. Vielleicht ist sie deshalb so gut getarnt, damit man sie – wenn überhaupt – nur aus allernächster Nähe sieht. Hat man sie aber entdeckt, offenbart sich einem ein Anblick erstaunlicher Hässlichkeit.

Knopfige Facettenaugen sitzen starr seitlich eines kegelförmigen Kopfes ohne sichtbaren Mund. Die Vorderbeine sind kräftiger als die beiden hinteren Beinpaare, was einen an ein umgekehrtes Heupferdchen denken lässt, ohne aber auch nur im entferntesten dessen Eleganz zu erreichen. Dahinter folgt ein wurstförmiger, untaillierter Körper der von grobmaschigen Flügeln bedeckt wird. Nur die in dezentem beige bis kackbraun gehaltene Grundfärbung sollte man der Zikade nicht übelnehmen, da sie – wie oben schon erwähnt – dazu dient, dass uns zumindest ihr Anblick im Normalfall erspart bleibt.

Singzikaden halten sich an heißen Sommertagen dort am liebsten auf, wo sich auch Menschen an heißen Sommertagen am liebsten aufhalten: Unter schattenspendenden Bäumen oder mit Wein bewachsenen Pergolas. Anders als Menschen sitzen Zikaden allerdings direkt an der Unterseite der Pflanzen und nicht in Liegstühlen oder an Frühstückstischen. Der gemeinsame Aufenthalt am gleichen Ort ist aber oft nicht von langer Dauer, entweder verlässt der um sein Hörvermögen fürchtende Mensch den Platz oder die Singzikade muss vor einem auf sie gerichten Wasserstrahl auf den Nachbarbaum flüchten. Der Frühstückstisch ist ohnehin versaut, weil nämlich Singzikaden neben ihrem schlechten Musikgeschmack und unsäglichen Outfit auch noch eine schwache Blase haben und hemmungslos auf Tomatenviertel, Feta und Honigjoghurt pissen.

Auch hier Dissonanzen: Bank am Ufer von Plakias

Auch hier Dissonanzen: Ufer von Plakias

Muss die Singzikade tatsächlich flüchten, offenbart sich eine weitere ihrer Eigenarten die ihr einen verdienten Platz auf der Fußmatte der Schöpfung sichern: Sie sind die plumpesten und ungeschicktesten Flieger des Insektenreiches. Und vermutlich strunzdumm. Eigentlich können sie gar nicht fliegen, ihren Flug könnte man besser als waagerechten Sturz bezeichnen. Ungelenk und wahllos stäuben sie in eine beliebige Richtung, vor die Hauswand, vor die Stirn eines verdutzten Menschens, vor ein parkendes Auto oder in die Schüssel mit dem Marouli-Salat. Nur wenn sie Glück haben, schlagen sie an einem Ast des gleichen oder eines anderen Baumes auf. Wahrscheinlich dienen die überdimensionierten Vorderbeine dann dazu, bei der Bruchlandung die Wucht des Aufpralls zu mildern. Vielleicht tue ich der Zikade aber auch unrecht, und sie ist von der Evolution dazu auserkoren, das erste Insekt zu sein, was den Airbag erfinden muss?

Wissenschaftlicher Nachtrag:

Lange Zeit wurden die Singzikaden für eine Gattung aus der Familie der Rundkopfzikaden gehalten. Neueste genetische Untersuchungen an der Universität von Ulan Bator (innere Mongolei) lassen aber auf eine gänzlich andere Abstammung schließen: Das seltsame biologische Fehldesign wie zB. die fehlenden Mundwerkzeuge und die Hinterbeine am Körpervorderende oder andere Absonderlichkeiten deuten genau wie die wurschtelige Chromsomen-Struktur auf eine außerirdische Herkunft der Gattung. In die gleiche Richtung deutet das Faktum, dass Spuren von Singzikaden-DNA an Überbleibseln von verkohlten Bäume gefunden wurde, die im Gebiet des „Tunguska-Ereignisses“ in Sibirien wuchsen. Führende Köpfe der interdisziplinären Forschergruppe der mongolischen Universität sehen in den Singzikaden einen fehlgeschlagenen Versuch einer außerirdischen Zivilisation, die Menschheit durch Entnervung auszurotten. Vermutlich rettete uns nur ein weiterer, kleiner biologischer Designfehler vor diesem Schicksal. Er ließ die Singzikaden in die subtropischen Räume der Erde abwandern und nicht wie geplant die menschlichen Ballungszentren aufsuchen. Und traf dort auf eine Menschengattung, die gegen das Gezirpe akustisch resistent ist, weil sie es gewöhnt ist in der gleichen Lautstärke zu kommunizieren.



Januar 2011
Copyright 2011 Frente, Mirthios

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